Six of Crows von Leigh Bardugo

Text by Anna.

Greed is your god, Kaz.“
He almost laughed at that.
No, Inej. Greed bows to me. It is my servant and my lever.“

Wenn sechs unterschiedliche Jugendliche, von der Welt und den darin lebenden Verbrechern psychisch und körperlich misshandelt, auf eine gefährliche und tödliche Mission geschickt werden, was kann da schon schief gehen? Genau, alles! Six of Crows ist eines der überzeugendsten Bücher, die im vergangenen Jahr erschienen sind und ein Must-Have für jeden Fantasy-Liebhaber.

Worum geht’s?
Kaz Brekker ist ein intelligenter, scharfsinniger Dieb, der im Untergrund der verruchten Hafenstadt Ketterdam gemeinsam mit seiner Gang The Dregs die Straßen unsicher macht. Durch hochlogisches und emotionsloses Handeln ist er seinen Gegnern stets mindestens zwei Schritte voraus und unter dem Namen Dirtyhands gefürchtet. Als ihm eines Tages von dem Händler Van Eck ein Vermögen für einen Job angeboten wird, begibt er sich mit nur fünf Verbündeten auf eine gefährliche Reise, deren Ausgang mehr als nur den sicheren Tod bedeuten kann. Eine gefährliche Droge namens jurda parem ist in Umlauf geraten und gibt den magisch Begabten dieser Welt, Grisha genannt, ungeahnte Fähigkeiten, aber auch die absolute Abhängigkeit davon, sowie einen langen, qualvollen Tod. Um zu verhindern, dass diese Droge weiter produziert wird, müssen Kaz und seine Krähen weit in den Norden reisen und in die bis dahin unüberwindbare Militäranlage, und Herz des Landes Fjerda, eindringen: The Ice Court. Doch nicht nur die Gefahren außerhalb der Gruppe drohen diese Mission zum Scheitern zu bringen, sondern auch die gespannten Verhältnisse untereinander.

Die Handlung:
Mein erster Eindruck zu der Geschichte hatte sich eigentlich bis zum Schluss gut durchgehalten. Man wird sofort in die Geschichte hineingeworfen und in den ersten Kapiteln wird es direkt spannend. Vor allem die Charaktere machen den Einstieg sehr leicht und einige sind mir sofort ans Herz gewachsen, besonders weil sie in komplizierten, aber interessanten Verhältnissen zueinander stehen.
Ich habe von einigen Leuten gehört und gelesen, dass die ersten hundert Seiten schwierig seinen, weil man sich erst in die Welt einlesen müsste und vieles nicht verstehen würde. Damit hatte ich aber keinerlei Probleme, obwohl das Buch auch für mich das erste der Autorin ist und ich die vorherige Grisha-Trilogie nicht gelesen habe.
Der Schreibstil ist wunderschön und schwankt zwischen künstlerischer Poesie und mitreißender Einfachheit.
Ab der Hälfte begann sich ziemlich plötzlich eine Liebesgeschichte zu entwickeln, die bisher nur aus harmlosen Flirts bestand und ich muss gestehen, ich war zu dem Zeitpunkt ein wenig überrumpelt, aber es hat sich eigentlich bald wieder gelegt, da die Charaktere ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren und damit die Liebesgeschichte wieder in ein erträgliches Verhalten zurückfällt. Leider ist der Mittelteil von manchmal recht zähen Zeitsprüngen durchzogen und man wird immer wieder in die Vergangenheit der einzelnen Figuren gezogen. Damit gerät manchmal die Gegenwart zu sehr in den Hintergrund und an einigen Stellen hat mich das Zeitgeschehen eigentlich mehr interessiert, als auf Entdeckungssuche in der Vergangenheit zu gehen und den Figuren damit zu ihrem Verhalten auch ein Motiv zu geben.
Das Finale begann schließlich weit früher als gedacht und durch die Zeitangaben zu Beginn der Kapitel veränderte sich auch die Spannung und ich konnte das Buch nur noch schwerlich weglegen, weil ich von der selben tickenden Unruhe ergriffen wurde, die auch die Charaktere heimsuchte. Es gab innerhalb des Buches immer wieder kleinere Wendungen aus dem Nirgendwo, die mich zwischen Lachen und Staunen auflaufen ließen und mich mit dem leicht vorhersehbaren Schluss einigermaßen versöhnlich stimmten. Zudem ist dies der Erste von zwei Bänden, weswegen ich den Schluss nur als Zwischenteil zum nächsten Band betrachte.

Kunst im Buch:
Ich bin ehrlich. Ich bin ein Cover-Käufer. Und auch wenn ich auf dessen Grundlage bereits viele Fehlkäufe hinter mir habe, lege ich diese Angewohntheit einfach nicht ab. Six of Crows war ein ebensolcher Coverkauf, aber ehrlich gesagt nicht nur. Denn ich muss gestehen, dass ich stark aufs Äußere geachtet, aber auch ganz nach den Fäden der PR gespielt habe.
Das erste Mal wurde ich auf das Buch in der Vorstellung neuerschienener Bücher aufmerksam und ab diesem Zeitpunkt hat es mich nicht mehr losgelassen. Und was macht ein erfahrener Cover-Käufer an dieser Stelle? Richtig, er recherchiert! Das hat mich die Spirale immer weiter nach unten getrieben. Drei meiner Stimmen im Kopf hatten sich bereits entschieden, das Buch zu kaufen und die anderen wurden einen Werbebeitrag eines Großlieferanten umgestimmt. Hier wurden mit reichen Ornamenten und individuellen Symbolen die einzelnen Charaktere vorgestellt und ab da war es um mich geschehen.
Das Cover selbst zeigt eine Krähe, deren Federn mit dem Hintergrund verschwimmen und die Türme einer Stadt zeigen. Eine optische Täuschung. Da einerseits Federn andererseits die Silhouetten der Stadt gezeigt werden, war ich so auf den unteren Teil fokussiert, dass ich die Krähe im oberen Teil erst verspätet wahrgenommen habe. Ich hielt es schlichtweg für einen Krähenflügel. Das Motiv der Federnsstadt wird als Kapitelbeginn wieder aufgenommen und vermittelt damit dem Leser, aus welcher Charakterperspektive wir gerade das Kapitel lesen. Unten bei den Seitenangaben sind noch kleine Ornamente, die ein liebevolles Detail ergänzen.
Bevor man allerdings zu den Kapiteln kommt, befinden sich vorne im Buch noch zwei detaillierte Karten, die häufig in High-Fantasy-Romanen und Büchern basierend auf World Creating zu finden sind. Auch wenn ich während des Lesens nicht unbedingt erpicht darauf war, die Reise der Figuren auf der Karte nachzuzeichnen, ergänzen sie das Buch durch ein liebevolles Detail und war als Gedankenstütze für die verschiedenen Länder recht hilfreich. Gerade die mythologischen Details und Darstellungen gefielen mir sehr gut, wie die nordisch-kelitsch angehauchten Ornament auf der Karte des Ice Courts.

Übersetzung:
Ich habe nur kurz in die deutsche Übersetzung hineingelesen, denke aber, dass einige Leseschwierigkeiten primär darauf zurückfallen. Einerseits sind viele kursive Wörter, Eigennamen und Redensarten nicht im Deutschen übernommen worden. Damit gehen leider viele Schlüsselsequenzen verloren oder werden schlichtweg überlesen. An einigen Stellen wurden die Eigennamen beibelassen, wie das Barrel, an anderen Stellen widerum wurden sie übersetzt und das leider recht holprig, wie zum Beispiel The Slat als Verhau zu bezeichnen.
Am meisten hat mich jedoch Inejs Beiname als Wraith gestört, die zum Phantom gemacht wurde. Ich denke, dass dem deutschen Leser an dieser Stelle eine wichtige Metaebene vorenthalten wird.
Der Leitsatz No mourners. No funerals. wurde mit Keine Klageweiber. Keine Beerdigungen. übersetzt und auch hier war ich doch arg abgestoßen von dem Versuch, einen solch schönen, stimmigen und auch melodischen Satz durch die Härte und Plumpheit der deutschen Sprache zu zerstören. Manchmal ist es doch besser, nicht die Übersetzung eins zu eins zu wählen, sondern sich ein wenig künstlerische Freiheit zu gönnen.
Ich habe das Buch im Original gelesen und empfehle es jeden. Das Englisch ist einfach zu verstehen und bis auf einige Wörter, die Teil der Welt sind, ließt man sich ziemlich schnell ein und für Leute mit B-Niveau und Schulenglisch kein Problem darstellen.

Fazit:
Insgesamt hat mich das Buch vor allem durch geistreiche und witzige Dialoge überzeugt. Es gab immer wieder Insiderwitze, die mehrmals auftauchten und das Buch zusammenwachsen ließen, an anderen Stellen wiederum wurde ich mit der Rohheit von menschlichen Emotionen konfrontiert, die mich an den Abgrund menschlichen Verhalten brachten, unfähig zu weinen oder zu trauern.
Bis jetzt hatte ich selten das Gefühl, ein Buch noch einmal von vorne lesen zu wollen, kaum dass ich auf der letzten Seite angekommen bin. Hier war es der Fall. Six of Crows hat sich durch seine emotional verkrüppelten und dennoch liebenswürdigen Charaktere sofort in mein Herz geschlichen und sich einen Platz in meiner Books – Hall of Fame ergaunert. Ohne Reue kann ich behaupten, dass die Six of Crows-Reihe die besten Bücher waren, die ich 2017 gelesen habe.

Wer noch nicht überzeugt ist:
Hier geht’s zu Teil 2 der Rezension, in dem die Charaktere und das psychologische Schreiben noch mehr unter die Lupe genommen werden.

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