Knubbelnasen mit Humor – Buchstudent unterwegs auf der Mordillo Ausstellung

Text by Eleonore.

Eine einsame Insel mitten im Ozean, kaum groß genug, um eine Palme und einen Schiffbrüchigen zu beherbergen. Endlose Reihen leerer, quadratischer Fenster, perfekt symmetrisch angeordnet in einem Wald aus grauen Wolkenkratzern, unterbrochen nur durch einen kleinen Fleck Farbe. Ein farbenprächtiger Urwald voller wilder Tiere, dazwischen ein Männchen in einem Lendenschurz mit Leopardenprint.

Dies sind nur einige der vielen Motive, die der Zeichner Guillermo Mordillo, geboren 1932 in Buenos Aires, immer wieder auf einfallsreichste Art verwendet, um kleine Geschichten zu erzählen. Viel benötigt er dazu nicht, oft reicht ein einziges Bild. Die Szenen, in denen er seine knollnasigen Gestalten, die schon seit Jahren weltberühmt sind, auftreten lässt, sprechen für sich, und das ganz ohne Worte.

Mordillo Ausstellung Dschungel
©Mordillo Foundation, all rights reserved 2007

Mordillo in sieben Sälen

Die meisten seiner humoristischen Cartoons lassen den Betrachter durch ihre Absurdität schmunzeln. Andere regen vielleicht den ein oder anderen durch ihre politische oder gesellschaftskritische Note zum Nachdenken an. Eins aber haben all diese Bilder gemeinsam: Sie zeugen von der unglaublichen Fantasie und Kreativität des Künstlers.

Für Fans (und vielleicht auch für diejenigen, die es noch werden wollen) gibt es nun die Gelegenheit, diese Fantasie und Kreativität einmal ganz aus der Nähe zu bewundern, nämlich in der Ludwiggalerie in Oberhausen, wo seit dem 24. September unter dem Titel „Mordillo – A Very Optimistic Pessimist“ über 150 Exponate des Künstlers auf sieben Säle verteilt ausgestellt sind.

Von den Anfängen als Werbegrafiker, Trickfilmanimateur und Kinderbuchillustrator bis hin zu seinen jüngsten Zeichnungen kann man mitverfolgen, wie sich Mordillos Zeichenstil über die Jahre veränderte und sich seine ikonischen Figürchen mit den Knollennasen und dem erdnussförmigen Körper herausbildeten.

Mordillo Ausstellung Fußballfeld
©Mordillo Foundation, all rights reserved 2007

Unter Titeln wie „Geschichten erzählen“, „Biografie“, „Einsamkeit“, „Wege, Irrwege, Grenzen, Mauern“ oder „Tiere, Natur und Architektur“ können sich Mordillo-Kenner schon bereits ein Bild davon machen, was sie in den einzelnen Sälen erwartet. Da haben wir zum einen die bereits erwähnten Inselszenen, die es schaffen, neben einer (nachvollziehbaren) Hoffnungs- und Ausweglosigkeit, eine gewisse Heiterkeit in die Situation zu bringen; beispielsweise dadurch, dass der gestrandete männliche Schiffbrüchige, zu Beginn noch auf Rettung hoffend ein S.O.S. in den Sand malt, doch alsbald selbigen Notruf verwischt, als er sieht, wie eine weibliche Schiffbrüchige im Rettungsring ans Ufer geschwommen kommt.

Andere, ähnlich ausweglose Szenen zeigen ein unendliches Labyrinth, in deren Mitte ein Männchen steht, den Schlagstock erhoben, voller Ungewissheit, was um die Ecke auf ihn warten könnte. Oder ein sich in schwindelerregender Höhe befindliches Fußballfeld, während beide Mannschaften am Abgrund stehen und hinunter ins Meer schauen, wo ihr Ball gelandet ist.

Aber natürlich gibt es auch eine Reihe durchweg heiterer, aber nicht minder absurder Szenen: ein Baum, dessen schwarzer Schatten am nahegelegenen Haus haften bleibt, sogar nachdem er gefällt wurde. Ein Jüngling, der seiner Angebeteten im Kniefall und mit lauten Liebesschwüren (die wir uns nur denken können, da Mordillo fast nie Text verwendet) ein überlebensgroßes Herz überreicht, welches sie ungerührt zunächst mit einem Maßband ausmisst, um zu testen, ob er ihre Zeit auch wert ist. Und natürlich immer mal wieder ein fast unübersichtliches Wimmelbild, in dem es so viel zu entdecken gibt, dass man erst mal eine ganze Weile davorsteht, bevor man alles gesehen hat.

Mordillo Ausstellung Herz
©Mordillo Foundation, all rights reserved 2007

Farben über Farben – und kleine Überraschungen

Die im Rahmen dieser Ausstellung gezeigten Exponate sind Originale (über 150 Stück), die durch hochwertige Kunstdrucke, entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler, ergänzt werden. Ein Teil der Motive basiert auf früheren Konzepten des Künstlers, die er in späteren Jahren wieder aufgegriffen, bzw. in Variationen umgesetzt hat.

So kamen mir beispielsweise einige Cartoons zwar bekannt vor, aber ich hatte sie vorher nur in schwarz-weiß gesehen oder aber mit ein paar (kleineren oder größeren) Detailveränderungen. Hin und wieder finden sich auch Schwarz-Weiß-Zeichnungen und manchmal sogar die ursprünglichen (Bleistift-)Skizzen auf Transparentpapier neben dem späteren, fertigen Cartoon wieder.

Wer bereits mit der Arbeit Mordillos vertraut ist, dem sind bestimmt schon mal die eindrucksvollen Farbkompositionen in seinen Bildern aufgefallen. In dieser Ausstellung wird einem jedoch die Pracht und Intensität dieser Farben noch einmal deutlicher bewusst, wenn man sich statt eines einzelnen Drucks einem ganzen Saal mit Originalen gegenübersieht.

Eine kleine Überraschung für Besucher findet sich außerdem im Erdgeschoss in Saal 2 „Biografie“. Hier werden in einer 80-minütigen Dauerschleife über 100 kleine Videoanimationen von Mordillos Cartoons gezeigt, manche davon finden sich auch als Bilder in der Ausstellung wieder. Eine Sitzbank vor dem Bildschirm lädt dazu ein, sich hinzusetzen und kurz (oder auch nicht ganz so kurz) die kleinen Clips zu genießen und sich an Mordillos skurrilem Humor und seinem Talent für unerwartete Wendungen mal in einem etwas anderen Medium zu erfreuen.

Eine weitere Besonderheit birgt der Saal „Das Piratenschiff“, der sich jedoch nicht im Hauptgebäude, sondern gegenüber im Kleinen Schloss befindet, wo auch der Museumshop ist. Hier werden die Illustrationen aus Mordillos Buch El Galeón gezeigt (das übrigens auch im Shop käuflich zu erwerben ist) und erzählen, anders als die voneinander unabhängigen Cartoons in der restlichen Ausstellung, die Geschichte einer Piratencrew und ihres Schiffs. Natürlich ganz ohne Worte.

Mordillo Ausstellung Piraten
©Mordillo Foundation, all rights reserved 2011

Ein Muss für Mordillo-Fans, Comic-Liebhaber und Kunstinteressierte

Mein Fazit: Die Ausstellung ist wunderbar gestaltet und man findet sich im Gebäude sehr gut zurecht. Am Eingang gibt es auch einen sogenannten „Kurzführer“, ein zweiseitig bedrucktes DIN A4 Blatt, auf dem die einzelnen Säle mit ihrem jeweiligen Namen angegeben sind, zusammen mit einem kleinen Text, in dem der Besucher erfährt, welches Thema in dem Saal behandelt wird. Auf jeden Fall lesenswert, selbst wenn man zu den Leuten gehört, die keine Orientierungshilfe benötigen.

Diese Ausstellung ist definitiv ein Muss für jeden Mordillo-Fan – aber auch Comicliebhaber und Kunstinteressierte, die sich nicht direkt mit Mordillo beschäftigt oder noch nie von ihm gehört haben sollten, werden hier voll auf ihre Kosten kommen.

Auch ein Familienausflug bietet sich an, denn obwohl Mordillos Humor doch hauptsächlich eher für Erwachsene verständlich ist, haben kleinere Kinder Spaß an den kurzen Animationsvideos und den vielen bunten Farben und witzigen Figürchen. Es ist in jedem Fall eine sehr kurzweilige Ausstellung, bei der man bestimmt an der ein oder anderen Stelle auflachen muss und definitiv die ganze Zeit ein Lächeln auf den Lippen hat.

Mordillos Bücher ausverkauft

Für diejenigen unter euch, die nach Besuch des Museums zur Kauflust angeregt sind und gerne das ein oder andere Buch von Mordillo kaufen möchten (wie wir es eigentlich vorhatten), der muss mit einer Enttäuschung rechnen. Wie ich später erfuhr, werden die Bücher längst nicht mehr verlegt und die im Shop angebotenen Exemplare von El Galeón sind Restbestände, die die Ludwiggalerie nur über Kontakte zum Künstler erhalten konnte. Die in der Ausstellung ausgestellten Bücher sind aus dem Antiquariat (aber vielleicht hat der ein oder andere vielleicht noch Glück im Internet).

Damit der locker sitzende Geldbeutel trotzdem zum Einsatz kommen darf, gibt es eine Reihe von 1000er-Puzzle (mit wirklich kniffligen Motiven, die zunächst harmlos aussehen, aber an denen ihr bestimmt ein paar Tage sitzen werdet), einen schön großen Kalender, ein paar Kühlschrankmagnete und natürlich die ein oder andere Postkarte. Des Weiteren findet ihr eine große Auswahl an Büchern über Kunst und Künstler, Tim-und-Struppi-Sammelbände und -Figuren und noch eine ganze Menge mehr.

Die Ausstellung geht noch bis zum 7. Januar 2018 und ist von Dienstag bis Sonntag 11:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen gibt es jeden Sonn- und Feiertag um 11:30 Uhr. Am 10. Dezember und am 7. Januar, jeweils ein Sonntag und immer um 15:00 Uhr gibt es außerdem spezielle Führungen mit Kuratorin Linda Schmitz. Für Studenten gibt es außerdem einen ermäßigten Eintrittspreis von 4€ statt der üblichen 8€, Familientickets sind ebenfalls erhältlich.

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