Meisterwerk in Futur II – Filmkritik: „Blade Runner 2049“

Text by Niklas.

Der Herbst bringt ein weiteres Sequel aus Hollywood, dem die Kreativität abhanden zu kommen scheint. Das Fortsetzungs-Fieber grassiert und alte Klassiker müssen herhalten, um die Kassen erneut mit zuverlässigen Fan-Millionen zu füllen. Häufig sind diese Wiederbelebungen aus Story-Sicht vollkommen unnötig, die Produzenten verzetteln sich zwischen hohen Erwartungen, monetären Zwängen und verzweifelter Suche nach Inhalten, die wirklich mehr zum Gesamtwerk beitragen – heraus kommt unbefriedigende Massenware mit dem trügerischen Label des mühelos überlegenen Vorbilds darauf.
Denis Villeneuve gelingt das Kunststück, über all diese Fallstricke zu balancieren und auch noch eine individuelle Note in das Sci-Fi-Heiligtum Blade Runner einzustreuen. Der Regisseur zeigte bereits mit Arrival, dass er sich nicht scheut, beängstigende Gedankenspiele mit kaum noch erträglicher Kompromisslosigkeit in einen packenden Sog zu verwandeln. Eine gute Personalwahl, um auf den übermächtigen Genre-Meilenstein einen neuen Blick zu werfen.

Im Schatten des Giganten
Das Original von 1982 hat nachfolgende Zukunftsvisionen entscheidend visuell geprägt und bildliche Blaupausen für die moderne Science-Fiction geliefert. Harrison Ford konnte sein ganzes schauspielerisches Talent endlich einmal abseits von eindimensionalen Actionhelden einsetzen und Inspector Deckert eine lakonische Tiefe verleihen, welche den Zuschauer an die Hand nahm in die philosophische Auseinandersetzung an der Grenze zwischen Mensch und Maschine. Besser konnte der zugrundeliegende Roman von Urgestein Philip K. Dick gar nicht gewürdigt werden.

Andere Zeit, selber Job
Gigantische Fußstapfen also für das neue Team. Mit Ryan Gosling betrat sie ein ambitionierter Vielseitigkeits-Experte. Sein Officer K ist optisch sofort als Nachfolger von Rick Deckert erkennbar. Die Blade Runner tragen immer noch Mäntel bei der Arbeit. Ansonsten hat sich ihr Berufsstand aber weiterentwickelt: Bei K ist schnell klar, dass er ein Androide ist. Selbst diese Drecksarbeit haben die Robo-Menschen nun übernommen. Replikanten töten jetzt ihresgleichen – eine schöne, gut geölte Entsorgungsmaschine.
Das geht so lange gut, bis K über ein numerisches Detail aus seiner Vergangenheit stolpert. Sollten seine Erinnerungen vielleicht doch weniger programmiert sein, als gedacht? Ist sein Leben gar nicht langweilig und vorherbestimmt? Wo andere die neue Freiheit feiern würden, verzweifelt der geradlinige K. Sein einfaches Leben mit klarem Ziel, williger KI-Freundin und überschaubarem Heim gerät aus den Fugen. Er droht den Halt zu verlieren in einer großen, verzweigten Intrige, die er eigentlich gar nicht durchschauen möchte. Ryan Goslings Charakter ist Sinnbild für unsere Erwartungen an den Film – alles scheint vorhersehbar für alte Kino-Hasen. Zusammen mit ihm erleben wir noch so manches Mal während der fast drei Stunden, wie unsere gelassene Gewissheit über den Haufen geworfen und ausgetrickst wird.

In der Zukunft gehen die Lichter aus
Manche Dinge ändern sich aber auch nicht. Los Angeles ist immer noch ein riesiger Moloch, der sich über Kaliforniern spannt. Die Sonne dringt nie durch den Smog, veraltete Autos dienen ihren Fahrern bis zum endgültigen Zerfall, Sekretärinnen tragen seit zwanzig Jahren die gleiche Frisur. Seit dem fiktiven 2019 ist aber einiges düsterer geworden. Die Hoffnung, auf fernen Planeten ein besseres Leben zu finden, ist nur noch den Allerhöchsten vorbehalten. Der Rest fristet ein auswegloses Dasein in den Quader-Schluchten einer zerstörten Welt. Und selbst die schalen irdischen Freuden verblassen zusehends. Im Jahr 2049 flackern die Neon-Reklamen schriller, aber weniger zahlreich. Das pulsierende Leben im billigen Überfluss ist zu einem Klammern an das wenige „Echte“, was noch verbleibt, geworden, die regennassen Boulevards voller Menschen einsamen Spaziergängern im Staubsturm gewichen. Wer kann, mauert sich im kärglichen privaten Glück ein und kuschelt sich ins Licht der letzten flackernden Glühbirne. Futuristischer Biedermeier ohne Aussicht auf das Licht am Ende des Tunnels.
Officer K’s Reise auf der Suche nach Antworten öffnet uns auch die größere Welt von Blade Runner. Graue Industriefarmen im Sumpf vor den Stadtmauern, riesige Müllhalden und die verstrahlten Wolkenkratzer einer verlassenen Metropole sind die Hinterlassenschaften einer Menschheit auf dem Rückzug, die sich hinter dicken Mauern verschanzt und dem Ende entgegenvegetiert. All dies erzeigt konstantes Unbehagen – diese Zukunft scheint sehr greifbar und gar nicht so weit entfernt. Wir lachen über den Plastikpop der 80er-Science Fiction, aber erstarren beim dumpfen Pochen trostloser Dystopien, die gruselig nah sind.

Wie Flocken im Schnee
Elektronische Klänge im Stile des Originals untermalen diese langsam erzählte Zukunftsvision. Dieser Film ist definitiv kein Action-Thriller, sondern ebenso reine Science Fiction wie sein Vorgänger. Krachende Unterhaltung solltet ihr also nicht erwarten, dafür eine philosophische Erzählung, die fein ausdifferenziert ist und ab der ersten Minute in ihren Bann zieht. Am Ende sitzen wir zusammen mit Officer K im Schnee und freuen uns, dass unsere vorgefertigten Erwartungen enttäuscht wurden, dass die Wahrheit doch nicht so einfach ist wie gedacht – und dennoch erfreulich schmucklos, frei von ebenso überflüssigen wie vorhersehbaren Twists und Spielchen.

Sieht man von der etwas zu ausführlichen Verneigung vor dem Denkmal des Ersten Teils und Harrison Ford ab, ist diese Fortsetzung perfekt gelungen. Blade Runner 2049 erweitert das Universum, wirft neue Fragen auf und spinnt die Story geschickt weiter, ohne zur bloßen Wiederholung abzusteigen.
Stellvertretend dafür: der Besuch bei Deckerts altem Chef im maroden Seniorenheim, und K’s kompliziertes Liebesleben: wie hat man Sex – mit einem Hologramm?

Beide Filme bilden eine erzählerische Einheit auf Augenhöhe und selbst Neueinsteiger werden sich problemlos zurechtfinden. Definitiv ein großes Highlight dieses Kino-Jahres und absolut sehenswert für Freunde geistreicher Filmkunst.

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