Buchstudent unterwegs: Glasgow oder Eine Studie in Akzenten

Text by Eleonore.

Wie ihr ja wisst, berichten wir Buchstudenten euch immer gerne von schönen Reisezielen. Dabei konzentrieren wir uns aber nicht nur auf die klassischen Sehenswürdigkeiten und kulturellen Highlights – die findet man schließlich in jedem Reiseführer.
Vergangenes Wochenende war ich also in Schottland unterwegs, genauer gesagt in Glasgow, Schottlands größter Metropole. Bekannt nicht nur für ihre hohe Verbrechensrate, sondern auch dafür, die freundlichsten, hilfsbereitesten Menschen Europas zu beherbergen. Um es in den Worten eines guten Freundes zu fassen, der dort lebt: „In Glasgow stechen sie dich nicht einfach nieder, sie rufen dir noch direkt einen Krankenwagen.“ Das klingt doch wirklich zuvorkommend!

Aber keine Sorge – solche Statistiken klingen immer gruseliger, als sie im Endeffekt wirklich sind.
Natürlich bin ich nicht nur nach Glasgow gereist, um besagte Statistik auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, sondern um mich am Royal Conservatoire of Scotland (RCS) weiterzubilden. Das RCS, eine der vier Universitäten in Glasgow, ist eine reine Drama- und Musikakademie und bietet Schauspiel-, Film- und Musikstudiengänge an.

Seit mehreren Jahren bietet die Uni im Rahmen des sogenannten „Lifelong Learning“-Programms diverse Kurse für Interessenten aus aller Welt und allen Altersklassen an. Einzige Voraussetzung: Ihr sprecht fließend Englisch.

Vor einigen Wochen stieß ich per Zufall auf die Seite des RCS und Lifelong Learning und fand diesen eintägigen Kurs „Introduction to Accents“, also eine Einführung in Akzente und Dialekte des Englischen, geleitet von Dialect Coach Hilary Jones.
Vielleicht fragt ihr euch jetzt, was es da an Akzenten geben soll – Amerikanisches Englisch und Britisches Englisch, das war‘s doch, oder? Falsch gedacht. Das Englisch in England alleine hat genauso viele regionale Varianten, wie es in Deutschland Dialekte gibt. Rechnet das mal hoch auf Irland, Schottland und Wales, da kommt schon eine ganz beachtliche Menge an Akzenten zusammen. Und wir haben noch nicht mal jenseits des Ozeans in Richtung USA oder geschweige denn Australien, Neuseeland, Südafrika oder Asien geschaut. Überall sprechen sie Englisch, jeder mit einem ganz anderen, ganz eigenen Dialekt.

Aber warum gibt es überhaupt so einen Kurs, der sich ausschließlich mit so etwas befasst? Wozu braucht man sowas? Und was ist bitte schön ein Dialect Coach?

Ist euch vielleicht schon mal aufgefallen, wie David Tennant, ein gebürtiger Schotte, in seiner Rolle als zehnter Doctor mit perfektem BBC-Englisch (sogenannter Received Pronunciation oder RP) spricht, anstelle seines typischen schottischen Dialekts? Oder wie in Game of Thrones sämtliche Starks mit einem nordenglischen Akzent sprechen, während zum Beispiel die Lannisters klassisches RP aufweisen? Oder aber der Australier Hugh Jackman als Wolverine immer einen typisch kanadischen Akzent hat?

Falls nicht, müsst ihr euch jetzt nicht schlecht fühlen, es sind oft nur minimale Unterschiede, die man leicht überhört, wenn man nicht weiß, worauf man zu achten hat.

Doch stellt euch nur einmal für einen Moment vor, ihr seid ein Schauspieler oder eine Schauspielerin aus Brooklyn, NY, USA. Und jetzt werdet ihr für einen Film gecastet, in dem ihr plötzlich jemanden aus Dublin, Irland, verkörpern sollt.
Niemand würde euch die Rolle abkaufen, wenn ihr mit eurem typischen Brooklyner Dialekt antanzen würdet. Nun habt ihr also zwei Möglichkeiten: Entweder könnt ihr den Dubliner Dialekt bereits und frischt nur nochmal kurz vorm Dreh euer Wissen auf oder ihr müsst ihn euch von einem Dialect Coach beibringen lassen – wie sich Dubliner Englisch von Brooklyn unterscheidet, warum es anders klingt und wie du dafür sorgst, dass du so klingst, als wärst du dort geboren.

Genau darauf fokussiert sich auch „Introduction to Accents“. Was genau sind eigentlich Akzente bzw. Dialekte und warum klingen sie so unterschiedlich? Dabei wird das Augenmerk weniger auf phonetische und phonologische Merkmale gelegt (ja, ich weiß, alle Linguisten und Phonetiker unter euch werden an der Stelle mit Sicherheit etwas enttäuscht sein), sondern auf soziokulturelle Eigenschaften. Wie das geht und wie diese einen Dialekt beeinflussen können? Nun ja, das kann euch der siebenstündige Kurs am besten selbst vermitteln.

Mein Fazit: Eindeutig sein Geld (£70) wert, man muss aber – vor allem als Phonetiker – darauf gefasst sein, dass die Theorie nicht einmal ansatzweise das abdeckt, was an phonologischen Prozessen dahinter steckt. Dieser Kurs richtet sich vor allem an Schauspieler (und die, die es werden wollen) und ist auch als solcher in seinem Theorieanteil deutlich simpler und in seiner Anwendung sehr viel praktischer konzipiert. Wenn ihr jedoch darüber hinwegsehen könnt, bzw. euch das nichts ausmacht, ihr Spaß am Schauspielern habt und Akzente und Dialekte liebt, dann kann ich euch diesen Kurs wirklich nur empfehlen!

Jedem anderen – egal ob Profi oder totaler Neueinsteiger – rate ich, sich einfach mal auf der Seite des RSC in der Rubrik Lifelong Learning umzuschauen. Vielleicht findet ihr ja etwas, das euch interessiert.
Und selbst wenn ihr an Schauspielkursen kein Interesse habt und total unmusikalisch seid – Glasgow ist in jedem Fall einen Trip wert!

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