Kreatives Schreiben – Wie Fantasieren benotet werden kann

Text by Eleonore.

Wusstet ihr, dass man kreatives Schreiben sogar studieren kann? Dass man benotet werden kann dafür, dass man sich eine Kurzgeschichte, einen Romananfang, ein Gedicht oder ein Drehbuch ausdenkt und entwickelt? Das Literaturinstitut in der Wächterstraße in Leipzig bietet genau das an. Immer zum Wintersemester besteht für Studenten und Studentinnen der Uni Leipzig die Möglichkeit, sich für diesen zweisemestrigen Kurs z.B. im Bereich der Schlüsselqualifikation anzumelden.

Doch die Plätze sind begrenzt und der Andrang ist – wie zu erwarten – groß. Wer also beim ersten Mal kein Glück hatte und das Modul nicht bestätigt bekommt, sollte sich davon nicht entmutigen lassen, sondern es im nächsten Jahr erneut versuchen.
Ich gehöre zu denen, die erst beim zweiten Anlauf Glück hatten und einen Platz bekamen, was meinen Enthusiasmus jedoch nicht im Geringsten dämpfte.

Im ersten Semester geht es hauptsächlich um Theorie – aber keine Angst, der Praxisanteil ist immer noch sehr hoch! Es gibt wöchentlich zwei Veranstaltungen, einmal eine Vorlesung und ein Seminar, beides im Literaturinstitut. In der Vorlesung geht es hauptsächlich um modernere Themen, wer sich also dafür interessiert, kann diese Veranstaltung besuchen. Notwendig ist die Teilnahme jedoch nicht, da alles Wichtige im Seminar behandelt wird. Allerdings wird in der ersten Stunde festgelegt, wann das Seminar stattfindet (es gibt zwei Seminarleiter, die zu unterschiedlichen Zeiten ihr Seminar haben, von denen ihr eines besucht – die Inhalte sind identisch und ihr könnt euch aussuchen, zu wem ihr geht).

In den Seminaren werden im ersten Semester zunächst allgemeine (und vertiefende) Erzählweisen abgehandelt, wie Erzählperspektive und Erzählzeit, Dialog, nichtfiktionales Erzählen und Strukturierung literarischer Texte, um euch den groben Aufbau zu nennen. Je nach Spezialisierung eures Seminarleiters und zum Teil auch euren Wünschen, können aber auch noch andere Themen in Exkursen behandelt werden.
Innerhalb dieser Seminare habt ihr auch in Form von Hausaufgaben Zeit, eure eigene Kreativität spielen zu lassen. Jede Woche gibt es eine kleine Schreibaufgabe, die freiwillig in der nächsten Sitzung vorgelesen und im Diskurs besprochen werden kann.

An dieser Stelle möchte ich jedoch alle zukünftigen kreativen Schreiber und Schreiberinnen darauf aufmerksam machen, dass die Kritik, die ihr bekommt, immer rein subjektiv ist. Keiner von den Teilnehmern im Seminar ist Literaturkritiker oder Lektor und kann euch eine objektive Rückmeldung geben, ob eurer Text etwas taugt oder nicht (mit Ausnahme eures Seminarleiters, der oder die euch ja auch später benotet). Klar, wenn ihr nur positive Rückmeldung bekommt, dann könnt ihr schon davon ausgehen, dass er auch bei einem (großen) Teil der Leserschaft ankommen wird, umgekehrt ist ausschließlich negative Kritik auch immer irgendwo ein Zeichen, dass da noch Luft nach oben besteht und ihr euch verbessern könnt. Aber dennoch hat jeder im Seminar andere Vorlieben und Geschmäcker, was als gut und was als schlecht angesehen wird, und selbst wenn ihr Shakespeare oder JK Rowling wärt, es gäbe immer jemanden, der sagen würde, ihm gefällt es nicht.

Im zweiten Semester geht es im Rahmen einer Schreibwerkstadt dann so richtig los mit dem kreativen Schreiben. Über die Ferien (und teilweise auch noch danach) habt ihr Zeit, euch einen netten Text von zehn Seiten auszudenken und niederzuschreiben. Dabei ist es egal, ob der Text schon vollständig ausgereift ist oder nicht, in einer ganzen Doppelstunde habt ihr Gelegenheit, euren Text den anderen vorzustellen und euch konstruktive Kritiken einzuholen, Ideen zu sammeln und eventuelle weitere Vorgehensweisen zu besprechen, wohin der Text führen soll (wenn ihr es nicht schon geplottet habt).

Am Ende habt ihr bis Mitte September Zeit, euren Text dann zu verbessern und abzugeben. Die Note wird nicht nur für euren Endtext vergeben, sondern auch für die Entwicklung desselben. Euer Endprodukt muss also keinen deutschen Literaturpreis gewinnen können oder besser als der von anderen sein, es sollte nur erkennbar sein, dass ihr euch in eurem Schreiben verbessert hab – und das ist das eigentliche Ziel dieses Moduls.

Wenn ihr jetzt aber glaubt, dass euch das Modul zu Profiautoren macht und ihr am Ende literarisch hochwertige Texte verfassen könnt, dann muss ich euch leider enttäuschen. Kreatives Schreiben vermittelt euch Basiswissen und Theorien und wird euch nur Wege andeuten, die ihr beschreiten könnt. Wenn ihr nach Möglichkeiten sucht, eure eingerostete Kreativität wieder anzukurbeln oder einer Schreibblockade entkommen wollt, dann ist das Seminar genau das Richtige für euch und ihr werdet bestimmt das ein oder andere noch lernen.

Habt ihr jedoch schon jahrelange Schreiberfahrung oder wisst, welchen Schemata ein Buch folgen muss, damit es ein Bestseller wird, welche Handlungsstränge einen Roman spannend machen und warum Plotting (egal ob „Heldenreise“ oder „Freitagsches Dreieck“) so unglaublich wichtig ist, dann wird euch das Seminar nur noch wenig beibringen können, da inhaltlich (leider) kaum Wert auf Plotting gelegt wird und wie man wirklich einen Text von A bis Z so durchplant, dass der Leser beim zweiten Durchlesen plötzlich merkt, dass auf den ersten paar Seiten bereits das komplette Ende eurer Septologie verraten wird, oder welche Methoden Autoren entwickeln, um ihre Handlungsstränge zu sortieren. Dies alles müsst ihr wohl für euch selbst herausfinden und entwickeln; da wird euch das Seminar nur bedingt weiterhelfen.

Womit ihr auch rechnen solltet, ist die Abwesenheit von Fantasy. Das beinahe weltführende Themengebiet der heutigen Literatur (für Jugendliche und Erwachsene) wird vielleicht mal in einem Nebensatz erwähnt: „Von der ‚Heldenreise‘ macht vor allem die Fantasyliteratur Gebrauch.“ Und das war‘s. Also wenn ihr erwartet, mit eurem Wissen in diesen Bereichen punkten zu können, mögt ihr enttäuscht werden. Schwerpunkte liegen auf hauptsächlich moderner (deutscher) Literatur und viele der in meinem Seminar vorgestellten Texte der Kommilitonen und Kommilitoninnen hatten diese eher modernen Tendenzen, wie sie viel bei Germanistik- und Soziologiestudenten anzutreffen sind.

Fazit ist trotz allem: Das Seminar macht Spaß, es gibt einige interessante Themenvorgaben für die Hausaufgaben – und ihr könnt euren eigenen, coolen Roman, Romananfang, eure Lyrik oder euer Drehbuch einreichen! Eurer Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt!

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Ein Gedanke zu „Kreatives Schreiben – Wie Fantasieren benotet werden kann

  1. Ich habe das Modul auch im Bachelor besucht 🙂 Fühle mich gerade sehr daran erinnert 😉
    Es stimmt, was du sagst. Die dort vermittelten Kenntnisse sind schon sehr rudimentär und die Kritik ist sehr, sehr subjektiv. Übrigens auch die der Lehrenden, manchmal. Dennoch ist es ein interessantes Modul, allzu viel spannende Auswahl hat man ja leider nicht, wenn man nicht in einen Sprachkurs reinkommt.
    VG Jennifer

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