Köpft den König – jetzt live auf Netflix:  Geschichte mit Drehbuchpotential

Text by Niklas.

Eine nie gekannte Serienflut brandet an die Grenzen unserer aller Aufnahmefähigkeit. Netflix, HBO und Amazon überbieten sich, wer mehr Stunden serieller Unterhaltung produziert als das Universum Lebenszeit hat. Während die Abonnement-Spezialisten mit dem rotgefärbten N derzeit auf starke Frauen und mysteriöse Science-Fiction setzen, recycelt der Rest Archiv-Ware und schwimmt auf der Retro-Welle. Derweil die Europäer verzweifelt versuchen, ihre dahinsiechende TV-Kundschaft mit billigem Abklatsch der amerikanischen Vorbilder bei der Stange zu halten. Irgendwie so ähnlich wie „Game of Thrones“ oder „House of Cards“ soll es sein, ein paar Intrigen, übertriebene Gewalt und hier und da eine unnötige Beischlafszene – aber auch bitte nicht zu mutig, sonst kippt Muttern vor der Glotze noch aus dem Schaukelstuhl und kann keine Gebühren mehr zahlen. Und so müssen Heinrich VIII., Queen Victoria und die deutsche Teilung wieder und wieder zum pittoresken Kostümreigen antreten, weil es anscheinend an eigenen Ideen für Story-Welten mangelt. Dabei ist das doch gar nicht nötig – alle Zutaten für großes Kino bietet die Menschheitsgeschichte auch abseits ausgenudelter Theaterliteratur. Hier ein paar Vorschläge und heimliche Hoffnungen eines Hobbyhistorikers für innovative Qualitätsware mit Kultpotential: 4x „Warum wurde das noch nicht verfilmt? Ich würde Geld dafür zahlen!“

1.Die Französische Revolution
Französische Revolution

Drama? Check! Blut? Check! Absurde Gestalten? Check! All das bietet dieses wohl prägendste Ereignis des neuzeitlichen Europas. Ballhausschwur, Sturm auf die Bastille, der Marsch der Fischweiber nach Versailles, Terrorherrschaft und schließlich die Kaperung des politischen Scherbenhaufens durch einen korsischen General – zehn Jahre lang brachte quasi jeder Tag einen neuen Umsturz, hochfliegende Ideen und dubiose Emporkömmlinge hervor. Freiheits- und Machthunger gleichermaßen stürzten einen Kontinent ins Chaos und der unersättliche Ehrgeiz eines selbsternannten Kaisers sollte am Ende Hunderttausenden das Leben kosten. „Versailles“ hat vorgemacht, dass auch der steife Barock mit seiner überkandidelten Hofetikette und wallenden Allonge-Perücken packend inszeniert werden kann. Es sollte also ein leichtes sein, diesen Strudel aus Gewalt, zerplatzen Träumen und himmelschreiender Ungerechtigkeit in extravagante Kostüme zu packen und auf die Bildschirme zu bannen … wenn wir nur das französische Namenswirrwarr in den Griff bekommen!

Empfehlungen zum Thema:
Film: „Leb‘ wohl, meine Königin“ (2012, Regie: Benoît Jacquot)
Buch: Hilary Mantel: „Brüder“
Videospiel: „Assassin’s Creed: Unity“

2. Sengoku Jidai: Die Zeit der streitenden Reiche

JapanDas klassische Japan-Bild mit seinen edlen Samurai und geheimnisvollen Ninja stammt  aus dem 16. Jahrhundert, als sich unzählige Provinzfürsten mit allen Mitteln um die Macht über das Land der aufgehenden Sonne prügelten. Der ach so ehrenhafte Bushido-Kodex wurde dabei freilich mit Füßen getreten. Am Ende stand derjenige hinter dem Kaiserthron, der am besten betrog und die leisesten Messer bezahlte. Ruhmvolle Krieger wurden über die endlosen Kämpfe alt und schon die Namen ihrer Söhne sind vergessen. Tausende verneigten sich vor den Bannern großer Clans, die kurz darauf von ihren unbedeutendsten Vasallen verraten und vernichtet wurden.
Dies ist eine Geschichte von geniale Strategen, fanatischen Kriegsmönchen und rücksichtslosen Räuberbaronen. Allianzen sind nur so viel Wert wie der flüchtige Sieg in der nächsten Schlacht, während über ungeborenen Thronfolgern bereits Pläne geschmiedet und Messer gezückt werden – und selbst ein einfacher Bauer kann bis zum Herrscher Japans aufsteigen. Die Welt ändert sich so oder so, denn von den Meeren her klopft eine ferne Macht ans Tor: Europa schickt sich an, den Erdball zu unterwerfen.
Mysteriöse Magie, die viele Anime und allgemein fernöstliche Filme durchströmt, ist hier gar nicht nötig. Um Spannung zu erzeugen, genügt es bereits, die fantastische Realität zu adaptieren. Mag der Markt zunächst klein erscheinen für eine historisch korrekte Umsetzung in Originalsprache, ich bin mir sicher: All die Nerds und Geeks, Cosplayer und Geschichtsfans da draußen würden einer leidenschaftlichen, detailverliebten Schlachtplatte aus Japan nicht nur ihre Herzen, sondern auch ihre Geldbeutel weit öffnen.

Empfehlungen zum Thema:
Film: „Kagemusha – der Schatten des Kriegers“ (1980, Regie: Akira Kurosawa)
Buch: Miyamoto Musashi: „Das Buch der fünf Ringe“
Videospiel: „Nobunaga’s Ambition: Sphere of Influence – Ascension“

3. Die Völkerwanderung
VölkerwanderungDystopien sind in. Warum nicht eine echte verfilmen? Der Untergang des römischen Reiches und für viele Zeitgenossen das Ende der Welt, riß auch alle schriftlichen Zeugnisse in den Abgrund eines 500-jährigen schwarzen Lochs der Geschichtsschreibung. So bleibt viel Freiraum zum kreativ werden. Bis auf das furiose Nordmännergarn „Vikings“ und dessen enttäuschenden Trittbrettfahrer „The Last Kingdom“ taucht diese Epoche auch nur selten in Film und Fernsehen auf – der Fabulierlust sind also kaum Grenzen gesetzt. Und da gibt es viel zu tun:
Attila, der Teufel in Menschengestalt, durchstreift mit seinen Reiterhorden die leeren Felder Galliens. Die wenigen Feuer der Zivilisation, ängstlich behütet von alten römischen Adligen. Britannien fällt zurück in vorchristliche Barbarei, und nur ein geheimnisvoller König mag die Hoffnungen der Verzweifelten heben. Ein Steppenvolk findet nach Generationen der Wanderung eine unsichere Heimat in den Ruinen Karthagos. Und in den Wüsten des Ostens wispert der Wind von einem neuen Propheten, der die Erde für seinen Gott erobern möchte. Dreihundert Jahre werden vergehen, bevor in Rom wieder ein Kaiser gekrönt wird.
Vorhang auf für ein düsteres Sittengemälde, eine Erzählung über Mut, abgrundtiefe Verzweiflung und Wahnsinn. Gern auch mit eingestreuten mystischen Versatzstücken. Das passt gut zu einer Zeit, in der die Menschen sich flehend an Götter klammerten, die ihnen keine Antwort mehr gaben.

Empfehlungen zum Thema:
Film: „Agora – die Säulen des Himmels“ (2009, Regie: Alejandro Amenábar)
Buch: Bernard Cornwell: „Der Winterkönig“
Videospiel: „Total War: Attila“

4. Die Weimarer Republik
Weimarer RepublikWo bleibt sie, die gute Serie aus Deutschland? Immerhin besinnt man sich mittlerweile auf das historische Stoff-Potenzial, doch es muss natürlich tragisch und lehrreich sein – also die beiden üblichen Verdächtigen, DDR und Zweiter Weltkrieg. Warum nicht mal etwas positiver denken? In den Goldenen Zwanziger Jahren war Deutschland ein schmieriger Ballsaal, eine überdrehte Freakshow. Inflation und neue Freiheiten heizten den Puls an, alles war möglich und nur der Moment zählte. Inmitten politischer Straßenschlachten, putschender Militärs und geldgeiler Spekulanten versuchten ein paar Aufrechte, ihren kühlen Kopf zu behalten. Künstler konnten sich frei entfalten und lebten doch immer mit dem drohenden Knüppel eines zufälligen Straßenschlägers über dem Kopf. Zunächst am Rand der Manege, entpuppt sich ein dilettantischer Pinselschwinger am Ende als größter Zauberer von allen, reißt das Zelt zum Beifall der Menge ein. Besitzt einmal den Mut, anderen auf die Füße zu treten – und da habt ihr sie, die gute deutsche Serie. Nehmt einfach eine Prise Anarchie …

Empfehlungen zum Thema:
Film: „Nacht über Berlin“ (2013, Regie: Friedemann Fromm)
Buch: Hans Fallada: „Kleiner Mann, was nun“

 

(Bilder von Wikimedia commons)

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