Drei Wochen Buchhandlung – Traum eines jeden Buchliebhabers?

Text by Ronja.

Normalerweise zerstöre ich ja ungern Träume. Wenn es jedoch um die romantische Vorstellung des Buchhändlerjobs geht, muss ich da einmal eine Ausnahme machen.
Drei Wochen Praktikum habe ich gerade in einer unabhängigen Buchhandlung absolviert und, obwohl es definitiv Spaß gemacht und mir bei meinem Studiengang (Buchhandel/Verlagswirtschaft) meiner Ansicht nach auch sehr weitergeholfen hat, ist dieser Job doch nicht das, was sich einige darunter vorzustellen scheinen.

Schon oft habe ich Aussagen wie „Ach ja, so eine eigene Buchhandlung könnte ich mir auch vorstellen“ oder „So eine Buchhandlung hat ja auch etwas Romantisches“ gehört. Und natürlich, zu diesem Job gehört auch eine gewisse Leidenschaft und Liebe zu Büchern dazu. Doch das reicht eben nicht.
Zur Führung einer Buchhandlung gehört auch wirtschaftliches Denken bei der Auswahl des Sortiments, Bearbeitung von Rechnungen und Buchführung, Kisten auspacken und Bücher in ein Warenwirtschaftssystem einpflegen, Verlagsprogramme durchschauen und, und, und…
Der Job des Buchhändlers ist nicht damit getan, im Laden zu sitzen und zu lesen, nur unterbrochen von ein paar Kunden, mit denen man ein nettes Pläuschchen hält.

Ich bin in mein Praktikum mit realistischeren Vorstellungen gegangen und war demnach auch nicht schockiert, dass dieser romantische Traum eher weniger der Realität entspricht.
Meine alltäglichen Aufgaben bestanden nämlich überwiegend aus Kisten auspacken und Bücher einsortieren, sowie Remissionen (Rücksendungen an den Verlag) vorbereiten, woraus schnell Routine wurde. An einem Tag hatte ich jedoch auch das Glück, den Besuch eines Verlagsvertreters mitzuerleben, wobei es recht amüsant war, aus Buchhandelsperspektive zu beobachten, mit welchen Mitteln die Verlage Buchhändler zu überzeugen versuchen, ihre nächsten Bestseller (denn natürlich werden die sich alle unglaublich gut verkaufen) ins Sortiment aufzunehmen.
Abgesehen davon durfte ich auch vorne im Verkaufsraum Kunden beraten und Bestellungen aufnehmen, wozu teilweise auch ein gewisses Recherchegeschick notwendig war. Eine Herausforderung für mich persönlich war zum Beispiel ein Kunde, der nach einem bestimmten Autor suchte. Er kannte weder einen seiner Titel, noch den Vor- oder Nachnamen, sondern konnte mir nur den Anfangsbuchstaben B und das Genre des Autors nennen. Zufälligerweise schoss mir sofort ein möglicher Autor durch den Kopf. Aber habe ich den Namen genannt? Nein, ich wollte nicht zu voreilig sein und erkundigte mich, ob es sich bei dem Buchstaben um den Beginn des Vor- oder Nachnamens handelt. Die Antwort des Kunden schloss den Autor aus, an den ich gedacht hatte, also begann meine Suche. Erst nach dem Durchforsten mehrerer Internetseiten und schließlich einer Liste von Neuerscheinungen hatte ich Glück und der Kunde erkannte den Namen des Autors wieder. Es stellte sich heraus, es war doch der Vorname, der mit B beginnt und nicht der Nachname, und ich hätte die Suche erheblich abkürzen können, wenn ich einfach instinktiv den ersten Namen genannt hätte, der mir durch den Kopf ging.

So ein Moment war für mich einer der Highlights des Buchhändleralltags; wenn man einem Kunden basierend auf den kleinsten Hinweisen weiterhelfen und glücklich machen kann.
Allerdings stellen diese Augenblicke eher die Ausnahme dar und im Großen und Ganzen ist eine Buchhandlung ein genauso wirtschaftlicher Betrieb wie die meisten anderen Läden. Möchte man überleben, muss man sich an Kundenwünschen orientieren. Und der Traum der romantischen Buchhandlung gefüllt nur mit wunderschönen Büchern und dem Duft nach Kaffee und frischem Papier ist eben nur das, ein Traum.

Ich hoffe, ich habe jetzt niemandem den Sinn des Lebens geraubt, indem ich die Illusion des entspannten Buchhändlerjobs zerstört habe, aber ein bisschen Ehrlichkeit muss auch mal sein und Buchhandlungen gehören für Leseratten wahrscheinlich trotzdem noch zu den schönsten Orten der Welt (und ich habe es sehr genossen, dort zu arbeiten, aber aus professionelleren Gründen als so manche realitätsfernen Vorstellungen es erscheinen lassen können).

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2 Gedanken zu „Drei Wochen Buchhandlung – Traum eines jeden Buchliebhabers?

  1. Hallo Ronja (und hallo an die anderen Buchstudenten),

    toller & ehrlicher Beitrag. Vielen Dank dafür! 🙂 Als Buchhändlerin finde ich es besonders interessant, das mal aus einer anderen Perspektive zu hören.
    Wie oft bekomme ich zu hören „Buchhandlung? Oh, toll, dann kannst du ja den ganzen Tag lesen. Was machst Du, wenn es mal nichts zu tun gibt? Lesen?“ – Es wird sehr romantisiert, das stimmt. Und wie Du geschrieben hast, es gibt viel mehr zu tun, als „nur lesen“.
    Aber ich finde es klasse, dass Du Dich darüber freust, einem Kunden geholfen zu haben. Und das sind die vielen schönen kleinen Highlights: helfen, wenn jemand etwas sucht und nicht weiter weiß; ein Buch empfehlen und nach ein paar Tagen eine positive Rückmeldung bekommen; Kunden, die nur zu „mir“ möchten; zufriedene und glückliche Menschen (egal welchen Alters). Ein bisschen romantisch ist es dann doch wieder. 😉

    Liebe Grüße, Nicole
    (von http://nicosbuecherwelten.blogspot.de)

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Nicole,
      ich freue mich, dass dir der Beitrag gefallen hat, und es ist gut zu hören, dass auch „richtige“ Buchhändler diese viel vertretene Ansicht gehört haben und mir meine Reaktion nach dem doch recht kurzen Einblick durch das Praktikum bestätigen können.
      Und natürlich darf man eine gewisse romantische Einstellung auch gerne behalten. 😉
      Liebe Grüße
      Ronja
      von Buchstudent

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