Hacksaw Ridge

Text by Niklas.

Das Filmjahr hat diesmal eine erfreuliche Sammlung Kriegsfilme im Gepäck und das freut natürlich den Geschichtsnerd in mir. Bevor ich mich im Juli mit der versammelten Mannschaft britischer Mimen ins Gemetzel am Strand von Dünkirchen stürze, steht erst einmal Mel Gibsons neues Epos ins Haus. Hacksaw Ridge wurde für gleich sechs Oscars nominiert, und ich habe das Drama auf Herz und Nieren überprüft.

Es erzählt, wenn auch dramaturgisch passend aufgehübscht, die wahre Geschichte des US-Soldaten Desmond T. Doss, der im Zweiten Weltkrieg aus Glaubensgründen den Dienst an der Waffe verweigerte. Um dennoch für sein Land kämpfen zu können, diente er als Sanitäter und holte während einer blutigen Schlacht auf Okinawa auf sich allein gestellt 75 Verwundete aus dem Inferno. Die perfekte Heldengeschichte also für Regisseur Mel Gibson, der bekanntlich den Pathos ähnlich dick aufträgt wie Van Gogh seine Farben. Er hat diese ohnehin schon maßgeschneiderte Story mit weiteren Konflikten und einer ordentlichen Portion Gottesliebe aufgeladen – was aber zumindest teilweise auch ganz gut in den amerikanischen Zeitgeist der gezeigten 40er-Jahre passt.

Vom Paradies in die Hölle

Der erste Teil des Films nimmt sich zunächst die Zeit, Desmond Doss und seine Welt im beschaulichen Virginia vorzustellen. Auch für atheistische Zuschauer wird gut die Motivation ersichtlich, aus der heraus Doss schließlich handelt. Hier zeigt auch ein furioser Hugo Weaving, welche Schauspielkünste in ihm stecken. Als alkoholkranker Vater legt er eine beeindruckende Performance hin, die auch vor seinem Leibesumfang nicht Halt macht. Respekt, wie sich der würdevolle Elrond in einen abgehalfterten Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und zugleich liebevollen Familienvater verwandelt.
Andrew Garfield in der Rolle des Desmond Doss indes entwickelt sich für mich immer mehr zur Hassliebe. Er spielt, äußerst überzeugend, den unschuldigen Glückskeks, den kein Wässerchen trüben kann und läuft mit Dauergrinsen durchs ländliche Idyll. Leider nervt dieser eine, eingemeißelte Gesichtsausdruck irgendwann nur noch. Fast ist es schon befreiend, ihn durch den hereinbrechenden Krieg auch einmal zu anderen Mimiken gezwungen zu sehen.

Licht und Schatten auf dem Schlachtfeld

Die anschließenden Kampfszenen auf Okinawa gehören hingegen zu den besten dieses Genres. Abgesehen von der wuchtigen, schonungslosen Brutalität, die mittlerweile schon zum Standard für diese Filme gehört, überzeugt vor allem der kompromisslose Realismus. Es wird dem Zuschauer schon ein gewisses Durchhaltevermögen abverlangt, dafür sehen wir endlich einmal taktisch sinnvoll geführte Kämpfe, mit schmerzhaften Verlusten auch auf der Seite der „Guten“. Es folgt besagte heldenhafte Rettungsaktion des Nachts im Niemandsland.
Und schließlich beendet Mel Gibson diesen vielversprechenden Film mit einem enttäuschenden, klischeebeladenen Schluss. Am nächsten Tag attackieren die Amerikaner die feindlichen Stellungen mit frischen Kräften und gehen siegreich aus dem Kampf hervor. Leider liegt die Inszenierung dieses Sieges um Jahrzehnte hinter dem aktuellen Zeitgeist zurück. Die Amerikaner greifen, nach einem Gebet von Desmond Doss natürlich, in Zeitlupe und mit entschlossenen Gesichtern die Japaner an, welche in dieser Szene zu gesichtslosen Statisten herunterdegradiert werden. „Nach einem ordentlichen Morgengebet tun wir Gottes rechtschaffenes Werk und vernichten diese gottlosen Japsen“ – solch eine platte Propagandaphrase schreit er uns mit dieser Szene förmlich entgegen. Desmond Doss schwebt schließlich, schwer verwundet, einem Jesus gleich unter den Strahlen der aufgehenden Sonne, auf der Sanitätertrage zurück in Richtung Heimat.

Fazit:
Ein äußerst bedauerlicher Schluss, der den Film entwertet, statt seine anfänglichen Längen auszubügeln. Vor diesem Hintergrund sind ein halbes Dutzend Oscar-Nominierungen nicht so ganz nachzuvollziehen. Hacksaw Ridge ist bestimmt kein schlechter Film, aber im Genre der Kriegsfilme sticht er aus der Masse zweitklassiger Progapanda-Dramen eigentlich nicht wirklich heraus und verkörpert all das, wofür die amerikanische Inszenierung des Zweiten Weltkriegs in der Vergangenheit immer gescholten wurde. Mel Gibson sollte, bei allem christlichen Sendungsbewusstsein, langsam einmal im 21. Jahrhundert ankommen.

Hacksaw Ridge ist nominiert für: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Bester Schnitt, Bester Ton und Bester Tonschnitt.

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