W_orten & Meer

Text by Inge.

Die Leipziger Buchmesse ist bekannt dafür, dass es nicht nur auf der Buchmesse selbst zahlreiche Lesungen aus neuen und noch unbekannten Büchern gibt, sondern die ganze Stadt im Lesefieber ist. Wir von Buchstudent waren bei so einer Lesung für euch dabei, und wurden besonders von einem dort vorgestellten Buch beeindruckt – „Goodbye Gender“, ein Buch von Rae Spoon und Ivan E. Coyote, die in kurzen Geschichten und Anekdoten davon berichten, wie sie das ihnen bei der Geburt zugeteilte Geschlecht abgestreift haben und mittlerweile als geschlechtsneutrale Personen leben.
Die starke Sprache und die berührend realen Erlebnisse haben uns gleich mitgerissen, wir haben aber auch die Gelegenheit genutzt, um mit Steff Urgast, einem Mitglied vom Verlag W_orten&Meer, über die Arbeit in einem jungen Verlag zu plaudern.

W_orten & Meer ist noch ein relativ junger Verlag, euch gibt es erst seit 2014/2015 – wie und wann entstand denn die Idee bzw. das Konzept?
Ich habe bereits schon im Uni-Kontext zusammen mit Lann Hornscheidt gearbeitet, und wir haben beide eine große Leidenschaft für Bücher. Irgendwann gab es dann die Idee, unsere produzierten Texte selber als Bücher herauszubringen, und dann eben auch in der Form, wie wir uns das selbst auch vorstellen.

Euer Verlag besteht aus einer „Kerngruppe“, die sich um die wichtigsten Verlagsgeschäfte kümmert, und noch einer größeren gestaltenden Gruppe, die Gastbeiträge etc. verfassen. Gibt es in dieser Gruppe denn auch „Verlagsprofis“ oder seid ihr alle mehr oder weniger Quereinsteiger?
Sagen wir mal, es ist ein Projekt, das wächst. Es ist ganz viel Learning-by-Doing. Die Leute werden jetzt nicht unbedingt nach ihren Kompetenzen ausgesucht, dass sie jetzt zum Beispiel unbedingt Marketing können müssen, sondern es geht nach den Themen und nach dem persönlichen Engagement und den vorhandenen Netzwerken. Es gibt natürlich schon Bezüge zur Literatur, also Personen die selbst Autor_innen sind; es gibt eine Person die uns im Vertrieb unterstützt und dort bereits Erfahrungen hatte, und auch Teil der großen gestaltenden Gruppe ist, aber ansonsten ist es wirklich mehr Learning-by-Doing. Auch die, die in der Kerngruppe sind und Projekte aktiv gestalten, sind nicht aus dem Verlagsbusiness. Wir haben da zum Beispiel eine Autor_in dabei, AunoushK, die mal öffentliches Recht studiert hat, ich selbst komme aus der Kulturarbeit, Lann ist aus der Linguistik. Da kommen also ganz unterschiedliche inhaltliche Stränge zusammen und wir versuchen, dass eben zu verbinden. Am Anfang waren das zwei Personen, die dieses Projekt ins Leben gerufen haben, aber es war da schon klar, dass es nicht nur zwei Leute bleiben, sondern ein Kollektiv werden sollte. Wir wollen nicht für andere entscheiden, sondern mit anderen entscheiden. Dann gab es einen Aufruf, es haben sich viele Leute gemeldet, und dieses Netzwerk ist auch heute noch ständig in Veränderung, denn diese Leute bringen auch andere Leute mit und dadurch bleibt der Verlag sehr flexibel.

Auf der Buchmesse habt ihr unter anderem das Buch „Goodbye Gender“ vorgestellt, ein Buch, das von zwei genderneutralen Person geschrieben wurde. Wie schwierig war es denn, diese doch noch recht neue Materie aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen?
Es war auf jeden Fall eine Herausforderung. Die deutsche Sprache hat bei diesem Thema sehr viele Barrieren und Grenzen, weil es eben nur zwei Pronomen für „weiblich“ und „männlich“ gibt. Und wenn man sich mit einem dieser zwei Pronomen nicht wohl fühlt, dann steht man da sehr allein da. Im Englischen ist es da einfacher, da es dort das „they“ gibt, oder im schwedischen das „hen“, in anderen Sprachen und Ländern ist man da also etwas weiter als hier. Im Deutschen muss man aber auf vieles achten, gebeugte Verben, Adjektive und so weiter, und das Pronomen „x“ ist eine Form, dies zu handhaben und ein Angebot an Leute, die sich weder mit „sie“ noch „er“ wohlfühlen. Das alles ist aber ein Prozess, der anregen soll, selbst kreativ mit Sprache umzugehen. Sprache ist wandelbar, und das ist auch etwas, was wir vermitteln wollen.

Diese besonderer Umgang mit Sprache beschränkt sich bei euch aber nicht nur auf die Pronomen, sondern es gibt auch Wortschöpfungen wie „Künstlx“ statt „Künstler“, um die Geschlechtsneutralität des Begriffes hervorzuheben, oder zum Beispiel eure betont durchgezogene Kleinschreibung von beinahe allen Wörtern auf eurer Internetseite. Bringt so eine spezieller Umgang mit Sprache aber nicht auch die Gefahr mit sich, eure Zielgruppe auf Personen zu beschränken, die schon einmal Kontakt mit diesen Begriffen bzw. dieser „Sprache“ hatten?
Nicht unbedingt. Das Feedback, das wir bekommen, ist sehr ausgewogen. Es gibt viele, die das sehr spannend finden, sich so mit Sprache zu beschäftigen, darüber nachdenken und sich dadurch vielleicht auch anders wahrnehmen. Natürlich kann das auch eine Hürde sein. Was wir definitiv nicht wollen ist akademisiert wirken; es ist unser großes Anliegen, verständlich zu bleiben. Wir wollen aber auch die aktivistische Verbindung beibehalten. Der Zusatz zu unserem Verlagsnamen ist nicht umsonst „Für antidiskriminierendes Handeln“, und dieser Handlungsaspekt ist bei uns sehr groß. Unser Ziel ist es, die Praxis zu verändern, und das geht nur dann, wenn sich Leute auch wirklich angesprochen fühlen.

„Goodbye Gender“ könnte man ganz grob in den Bereich Sachbuch eingliedern, die Texte von Audrey Lorde, die ihr auch auf der Buchmesse vorgestellt habt, sind so ein Zwischending aus Poesie und Politik – wollt ihr noch andere Genres abdecken, und welche Projekte sind denn für die Zukunft geplant?
Bei uns steht eigentlich immer mehr das Thema im Vordergrund als das Genre; uns ist es wichtig, Sachen zu verbinden und zu verweben. Im Mai bringen wir einen Roman namens „Kindred – Verbunden“ heraus, geschrieben von Octavia E. Butler, einer schwarzen feministischen Science-Fiction-Autorin. Außerdem wollen wir eine Kinder- und Jugendbuchreihe starten mit Geschichten aus unterschiedlichen Genres. Die schwierige Einordbarkeit wird uns wahrscheinlich erhalten bleiben, aber es ist auch ein bisschen so gewollt.

Aber damit ist es auch schwieriger, in den stationären Buchhandel zu kommen, denn dort muss ein Buch eigentlich immer sehr genau einem bestimmten Genre einordbar sein.
Ja, momentan sind es auch mehr die linken Buchläden, die unsere Bücher bestellen und auch manchmal vorrätig haben, aber mit einem jungen, unbekannten Verlag ist es sowieso schwieriger, in die Mainstream-Buchhandlungen zu kommen. Wir haben zum Beispiel auch das Buch von Jayrôme C. Robinet, „Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht“ im Programm, in dem Lyrik, Kurzgeschichten und Theatermonolog miteinander vereint sind. Das kann man als Hybridwerk so oder so schlecht in eine bestimmte Schublade stecken.

Wir danken Ihnen für das Interview und freuen uns auf neue spannende Projekte dieses Verlags.

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