LBM16: Interview Tom Jacuba

Text by Inge.

Was passiert, wenn man auf der Buchmesse Leipzig die Leseinsel Fantasy besucht? Genau, man trifft viele, viele Fantasy-Autoren! Thomas Ziebula, der unter dem Pseudonym Tom Jacuba seine Bücher der „Kalypto“-Reihe schreibt, hatte ein paar Minuten in seinem Buchmesse-Terminkalender gefunden, um unsere Fragen zu seiner Arbeit als Autor zu beantworten.

Sie haben gestern aus Ihrem Buch „Kalypto – Die Magierin der Tausend Inseln“ gelesen, dem zweiten Band aus ihrer Kalypto-Reihe. Was reizt Sie, gerade High-Fantasy zu schreiben?
Ich denke, ich habe eine etwas überbordende Phantasie. Ich habe mich gern schon als Kind und Jugendlicher in Welten reingebeamt, die es so nicht gibt und Geschichten ersponnen. Dazu kommt auch ein wirtschaftlicher Aspekt: Ich lebe seit Jahren vom Schreiben. Ich bin vor 16 Jahren von einem Fantasylektor bei Bastei Lübbe gefragt worden, ob ich mit ihm zusammen eine Serie ins Leben rufen will – die Maddrax-Reihe – und das hab ich dann gemacht und habe als Hauptautor dort 13 Jahre geschrieben, bin also irgendwie in die Fantasy reingerutscht. Ich schreibe aber nicht nur Fantasy.

Die „Kalypto“-Bücher veröffentlichen Sie unter dem Namen Tom Jacuba, haben aber auch schon als Jo Zybell geschrieben – Warum nutzen Sie Pseudonyme?
Meine ersten beiden Fantasy-Romane habe ich bei Hoffmann und Campe als Jo Zybell geschrieben. Für den neuen Anfang bei Bastei Lübbe hat der Verlag vorgeschlagen, ein neues Pseudonym zu nehmen. Mein Agent hat mir auch dazu geraten, mit dem Argument, für jedes Genre einen anderen Namen zu nutzen.

Dass der zweite Teil einer Reihe kaum ein Jahr nach dem ersten erscheint, ist nicht immer üblich. Haben Sie die Serie in der Gesamtheit schon fertig geschrieben, ein Grundgerüst gehabt, an dem Sie sich entlang arbeiten, oder schreiben Sie einfach verflixt schnell?
Nein, letzteres nicht (lacht). Es war klar, dass alles relativ zeitnah erscheinen muss. Ich habe zwar ein Exposé gemacht und es gibt ein Gerüst zu den Büchern – aber im Grunde ist es dann so, wenn in einem ersten Band die Figuren in der Arena sind, entwickelt sich so eine Geschichte, aber vor allem die Figuren, noch einmal ganz anders. Dann wird es schon fast zu einem Selbstläufer. Ich hangele mich zwar an dem Gerüst entlang, und manche Szenen kenne ich schon, aber es ist die Eigendynamik, der Geschichte, die ich ausnutze. Deswegen bleibe ich auch zeitlich nahe dran, und dann wächst die Geschichte von allein.

Gab es dann vielleicht einmal eine Szene, die sie aufgrund der Eigendynamik, die die Geschichte entwickelt hat, nicht mehr schreiben konnten, aber Sie diese Szene gerne im Buch gehabt hätten?
Nein, so etwas gab es, glaube ich, nicht. Im Gegenteil, mir sind plötzlich Figuren in die Quere gekommen, die ich gar nicht im Plan hatte, und jetzt Hauptfiguren sind. Klar notiere ich mir manche Dinge, aber wenn sich dann andere Szenen als passender erweisen oder es angemessener für die Figuren ist, dann vergesse ich solche vorgeplanten Dinge auch schnell wieder.

Haben Sie auch eine Lieblingsfigur?
Zum einen der Waldmann Lasnic natürlich, die männliche Hauptfigur, aber auch die Priesterin Catolis habe ich sehr gern.

Gab es eine Szene in „Kalypto – Die Magierin der Tausend Inseln“, die Ihnen beim Schreiben am meisten Spaß gemacht hat?
Besonders viel Spaß gemacht hat mir eine Szene, bzw. einige Kapitel, wo mir auch so eine Figur über den Weg gelaufen ist, die ich nicht auf dem Schirm hatte. In der Geschichte kommt ein Lord Frix vor. Das ist ein kleiner, schnauzbärtiger Mann aus Baldor, wie eines der Reiche dort heißt, und der ist ein Meisterdieb. Er beklaut meine Hauptfigur, die hängt ihn in einem Baum auf und will ihn dort verhungern lassen, lässt ihn aber aus irgendeinem Grund leben, und plötzlich ist dieser Charakter immer noch da, bleibt und bleibt, und wird die Geschichte auch noch länger begleiten. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Genauso gerne habe ich die Szene geschrieben, in der noch so eine Figur, die ich gar nicht so sehr auf dem Plan hatte, auftaucht – die Thronräuberin Lauka auftaucht. Sie holt sich einen Ritter aus dem Gefängnis und ins Bett und wird zur Hauptantagonistin. In dieser Szene kristallisierte sich heraus, was für ein Potential in der Figur steckt, und was sie noch anrichten könnte.

Wie kann ich mir bei Ihnen einen typischen Arbeitstag vorstellen?
Ich versuche schon so gegen 9 oder 10 Uhr an der Tastatur zu sitzen, meistens bis gegen 13 Uhr. Dann nochmal von 16 Uhr bis 18 Uhr, und abends nochmal zwei Stunden. Sechs bis acht Stunden Arbeitszeit also. Schreiben ist aber auch eine sehr kraftzehrende Arbeit, und wenn ich intensiv schreibe, dann merke ich auch, dass danach die Nerven vibrieren. Aber gerade wenn es auf das Ende des Buches zugeht, machen die Figuren sowieso häufig, was sie wollen, und die letzten Szenen schreiben sich schon fast von alleine. Da kann ich auch schon mal zehn oder zwölf Stunden durchschreiben, ohne dass es besonders kraftraubend ist.

Auf ihrer Internetseite schreiben Sie, dass ihre Eltern Wenden waren und auch wendisch bei ihnen Zuhause gesprochen haben. Glauben Sie, dass die wendische Kultur ihr Schreiben in irgendeiner Weise beeinflusst hat?
Auf jeden Fall. Ich war sechs, als wir aus dem Spreewald fliehen mussten, und ich kam zurück als 28-Jähriger, um meine Großmutter zu beerdigen. Wir fuhren über die Transitstrecke nach Berlin und dann in die Niederlausitz hinein. Als ich die Landschaft sah – die Birkenwälder, die Seen, das flache Land – spürte ich, wie etwas in mir zu schwingen begann. Da begriff ich, dass wir die Landschaft, in der wir aufgewachsen sind, wie eine innere Topografie mit uns tragen. Und das beeinflusst sicherlich auch mein Schreiben. Allein die Liebe zur Natur – der Waldmann ist nicht umsonst meine Lieblingsfigur – spielt definitiv eine Rolle. Die Wenden als slawischer Volksstamm haben aber auch ihre ganz eigene Mentalität, und davon habe ich eine ganze Menge abgekriegt.

Frage aus der Box unserer unkonventionellen Fragen:

Welche Songtext-Zeile mögen Sie am liebsten?
Es gibt ein Lied von Leonard Cohen namens „So long ago, Nancy“ dass ich sehr mag. Da gibt es eine Liedzeile, die geht ungefähr so:
„We told her, she was beautyful, we told her, she was free / But none of us would meet her in the House of Mystery”

IMG_3966a
Foto von Vera Doneck

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s