The Revenant

Text by Niklas.

Der Wind heult, die Wölfe heulen, die Indianer heulen– und Leonardo DiCaprio heult ebenfalls. Stöhnt, flucht, grunzt und brüllt sich meist kriechend durch die unwirtliche Wildnis der Rocky Mountains, ein Mann gegen die unbarmherzige Natur und eine Oscar-Jury, die ihn ignoriert. Hat er es nun endlich geschafft, mit dem durch und durch amerikanischen Motiv des einsamen Überlebenskämpfers, gezeichnet von Wunden, Dreck und Schicksal? Kann er den Goldjungen über die Schiene des Leidenden erlangen? Wir werden sehen, doch von all seinen darstellerischen Leistungen wäre diese wohl die am wenigsten geeignete. Der Film jedenfalls geht dieses Jahr als Favorit ins Rennen. Er ist in insgesamt zwölf Kategorien nominiert, darunter den drei wichtigsten Bester Film, Beste Regie und Bester Hauptdarsteller.

„The Revenant“ behauptet, hier mal wieder eine unglaubliche wahre Geschichte zu erzählen.  Dem Drehbuch zugrunde liegt der gleichnamige Roman von Michael Punke. Darin zieht Pelzjäger Hugh Glass Anfang des 19. Jahrhunderts mit den Männern der Rocky Mountain Fur Company durch die Berge Nordamerikas. Nachdem er bei einem Bärenangriff fast ein Bein verloren hat, lassen ihn seine Gefährten halbtot und ohne Ausrüstung in der amerikanischen Wildnis zurück. Schwer verletzt und von Indianern verfolgt, schleppt er sich 300 Kilometer durch die Berge zurück in die Zivilisation. Natürlich wurde der Mann danach eine Legende und im Laufe der Zeit dichtete man ihm rund um seinen Überlebenskampf die abenteuerlichsten Geschichten dazu, sodass irgendwann kaum noch Wahrheit von Pelzjägergarn zu unterscheiden war. Da seine Kumpanen ihn vermutlich zurückließen, um Ballast loszuwerden, hatte er verständlicherweise einen ziemlichen Hass auf seine Mitstreiter und versuchte sich im Verlauf der nächsten Jahre an ihnen zu rächen und sie umzubringen.

Ja, diese wilde Story ist tatsächlich wahr und daher natürlich ein gefundenes Fressen für Hollywood. Regie führte das Wunderkind Alejandro G. Iñárritu („Birdman“), der sich aber anscheinend nicht entscheiden konnte, was er aus dieser Steilvorlage machen wollte. So mäandert der Film fast drei Stunden vor sich hin, aber für den Zuschauer ist es irgendwann einfach nur noch anstrengend.

Iñárritu hat sich eine Menge künstlerische Freiheiten erlaubt, dichtet Glass noch einen halbindianischen Sohn an, der vor seinen Augen ermordet wird und so ein weiteres Rache-Motiv liefert. Dazu kommt noch ein kritischer Blick auf das Schicksal der Indianer und hin und wieder werden halluzinogene Bilder eingestreut, die eine gewisse Meta-Ebene und psychische Probleme des Protagonisten andeuten sollen. Das ist viel intellektueller Schnickschnack, stört aber die Abenteuergeschichte immer wieder in ihrem Fluss. Die Härte des Überlebens ist nicht fühlbar, wenn währenddessen ständig die Szenerie wechselt und völlig andere Themen zur Sprache gebracht werden. Wir schauen Glass zu, wie er röchelnd um jeden Meter kämpfend durch den Schnee stapft – und sind im nächsten Moment bei den Indianern, die von irgendwelchen wundersam aufgetauchten Franzosen betrogen werden. Glass baut sich mühsam ein Floß – Rückblende auf einen Überfall auf seine indianische Familie vor zehn Jahren.
Das Problem: Für einen Thriller fehlt eine zügige Handlungsführung. Der Spannungsbogen wird ständig unterbrochen und unsäglich gedehnt. Für ein Sozialdrama, das sich mit dem Leid der amerikanischen Ureinwohner beschäftigt, wirkt wiederum die Robinsonade deplaziert und verzichtbar. Und am Ende soll es noch ein Rachefeldzug werden, dem leider auch die bisher große Realitätsnähe des Streifens geopfert wird, denn nach zwei Filmstunden wird Glass gerettet und kehrt zum Stützpunkt der Pelzjäger zurück. Wundersamerweise aber ist er, der sich gerade kaum noch auf den Beinen halten konnte, schon am nächsten Tag wieder genesen und jagt topfit den Mördern seines Sohnes hinterher. Mit dieser Rache-Story verbringt der Film die letzte Stunde, und all das wirkt so unglaublich unnötig, sinnlos und schreit danach, doch noch ein Blockbuster werden zu wollen, wo es doch eine knackige Abenteuergeschichte viel besser getan hätte.

Am meisten Leid tut mir dabei Leonardo DiCaprio. In seiner Rolle bleiben ihm außer schmerzvollen Gesichtsausdrücken und Grunzlauten logischerweise wenige Darstellungsmöglichkeiten übrig. Angesichts seiner beeindruckenden sonstigen Auftritte wäre ein Oscar für diese Rolle für ihn mehr ein Trostpreis, damit sich die Academy nicht noch länger Vorwürfe anhören muss. Und ja, natürlich sind die Landschaftsaufnahmen atemberaubend, natürlich hat die Maske ganze Arbeit bei der Modellierung schrecklicher Wunden bewiesen, aber der Film ist vor allem ein Schrei nach Preisen und symptomatisch für eine amerikanische Filmindustrie, die nur ja niemandem auf die Füße treten möchte. Werden alle Punkte der politischen Korrektheit abgehakt, hagelt es meist Preise, unabhängig von der tatsächlichen Qualität des Filmes. Wenn sich Hollywood auf diese Art einen intelligenten Anstrich abseits des Kommerzes geben will, könnte es bald im Elfenbeinturm einer gekünstelten Filmkultur landen, die hauptsächlich um sich selbst kreist.

Fazit: „The Revenant“ ist ein Film für Preisrichter, mit seiner Überlänge aber für den normalen Kinobesucher verzichtbar und deutlich überbewertet.

Oscar-Nominierungen: Bester Film, Beste Regie (Alejandro G. Iñárritu), Bester Hauptdarsteller (Leonardo DiCaprio), Bester Nebendarsteller (Tom Hardy), Beste Kamera, Bestes Szenenbild, Bestes Kostümdesign, Bestes Make-up und beste Frisuren, Bester Schnitt, Bester Ton, Bester Tonschnitt und Beste visuelle Effekte

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