Raum

Text by Inge.

Klappentext: Für Jack ist Raum die ganze Welt. Dort essen, spielen und schlafen er und seine Ma. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine „Freunde“, die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind – echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen …

Zum Werk:
Es ist schwierig, von diesem Buch eine Rezension zu schreiben, ohne gleich alles zu verraten. Die Handlung ist zugegebenermaßen eher geradlinig und beinahe vorhersehbar, doch das mindert keineswegs das Lesevergnügen, denn was dieses Buch ausmacht, ist wie Jack, unser Mittler in seine Welt, alles sieht, wahrnimmt und verarbeitet.

Alles beginnt mit Jacks fünftem Geburtstag im ersten Teil des Buches, das den passenden Namen „Geschenke“ trägt. Wir lernen Raum, seine Ma, und den typischen Tagesablauf kennen: Frühstücken, Fernsehen, Spielen, Mittagessen, Mittagsschlaf, Sport, Abendessen, Schlafen. Zuerst ist man als Leser verwirrt, wenn Jack für diverse Gegenstände keine Artikel benutzt – es ist nicht „die Lampe“, sondern „Lampe“, und „der macht alles ganz hell, schwuppdiwupp“ – doch mit der Zeit wird klar, dass Jack keine Artikel braucht, wenn es eben nur eine Lampe gibt, die er kennt. Denn alles andere, was er im Fernseher sieht oder seine Mutter ihm in Geschichten erzählt, ist eben nicht echt. Es gibt nur Raum, und ihn, und Ma.

Jacks Welt ist klein, und mit jeder Seite scheint sie für den Leser zu schrumpfen. Die Autorin versteht es dabei sehr gut, Dinge für Jack unverständlich zu lassen, dem Leser selbst aber genügend Hinweise zu geben, um den Ausmaß der Hintergrundgeschichte zu verstehen. Es sind dann oft Kleinigkeiten, wie die Tür mit dem Zahlenschloss, das Oberlicht oder die „Sonntagsgutti“, die einen dann schon vor Jack verstehen lassen, dass seine Ma verschleppt und eingesperrt wurde in einen Raum, in dem nur das notwendigste vorhanden ist. Ihr Kidnapper, der von Jack den Namen „Old Nick“ bekommen hat, und der im weiteren Verlauf des Buches auch nie beim richtigen Namen genannt wird, vergewaltigt sie beinahe täglich, während Jack im Schrank liegt und nicht versteht, warum Old Nick das Bett quietschen lässt.

Jack ist das Produkt von diesen Vergewaltigungen, doch seine Ma liebt ihn über alles, was man als Leser auf jeder Seite spürt. Sie stillt Jack immer noch, was bei der mageren Kost, die Old Nick ihnen zugesteht, verständlich ist, und sie versucht ihr Möglichstes, um Jack zu beschützen. Nur manchmal ist sie „verschwunden“, wie Jack es nennt. Trotz aller Ablenkung, die Jack ihr bietet, gibt es Tage, an denen sie wahrscheinlich zu dunkle Gedanken hegt, um mit ihrem Sohn zu spielen. Jack vertraut aber darauf, dass seine Ma am nächsten Tag wieder für ihn da sein wird, und er ist sowieso schon groß genug, um sich um sich selbst zu kümmern.

Aber darin liegt auch das Problem: Jack versteht mittlerweile genug, um schwierigere Fragen zu stellen, und im zweiten Teil des Buches, „Entlügen“, dreht sich alles darum. Wobei Jack immer wieder Schwierigkeiten hat, die Grenzen zu ziehen, denn er kann es sich einfach nicht vorstellen, wie es außerhalb von Raum aussieht. Die Art und Weise, wie die Autorin den Leser dabei in Jacks Gedankenwelt schlüpfen lässt, ist wirklich brillant.

Der dritte Teil des Buches, sehr treffend als „Sterben“ betitelt, widmet sich dann der Flucht aus Raum, bei der Jack eine wichtige Rolle spielt, und auch hier ist alles so zentriert um ihn, dass man beim Umblättern die Luft anhält. Aus etwas Distanz mag es klar sein, dass Jack es natürlich schafft, aber durch die verzerrte Sichtweise des Jungen, der das erste Mal in seinem Leben den Himmel, ein Auto, einen Hund in echt sieht, macht die wenige Minuten dauernde Szene zu einem kinoreifen Film vor dem Auge des Lesers.

In den letzten beiden Teilen des Buches, „Danach“ und „Leben“ begleitet man Jack in die Welt, die er bisher nur aus dem Fernseher kannte. Er fühlt sich dabei, als wäre er auf einem anderen Planeten gelandet, mit neuen Dingen und seltsamen Angewohnheiten von den vielen Menschen, die er plötzlich trifft. Seine Ma ist dabei sein einziger Anker, doch man merkt, dass auch sie mit der Situation überfordert zu sein scheint.

Aus Raum entkommen sie und Jack nicht ohne Spuren, doch der Leser verlässt die beiden am Ende des Buches mit viel Hoffnung, dass Jack und seine Ma es schaffen werden.

Zugegebenermaßen, ich hatte mich etwas vor diesem Buch gescheut. Normalerweise bin ich nicht jemand, der bei „Spannung“ oder „Besonders literarisch wertvoll“ zugreift, sondern eher einen großen Bogen darum macht und vor der Fantasy-Abteilung stehenbleibt. Doch dieses Buch habe ich von der ersten Seite an verschlungen – und das Buch vielleicht auch ein bisschen mich. Jack ist ein interessanter und ergreifender Charakter, und seine Mutter lernt man mit jedem Satz besser kennen und bewundert diese Frau für die Stärke, die sie bewiesen hat, denn obwohl sie von ihrem Entführer vollständig abhängig ist, hört sie nie auf zu kämpfen. Als Leser schließt man das Buch und denkt dabei an ähnliche, wahre Entführungsfälle, und sieht die Geschichten von diesen Frauen vielleicht in einem neuen Licht.

Leider ist die Verfilmung dieses Buches bisher noch nicht in deutschen Kinos erschienen (Kinostart: 17. März 2016), allerdings gibt es einen Trailer, der sehr vielversprechend ist, aber auch schon einen großen Teil der Geschichte verrät. Denn die visuelle Umsetzung von einer reinen Kinderperspektive ist wahrlich keine leichte Aufgabe, jedoch hat Emma Donoghue selbst das Drehbuch zu dem Film verfasst, was hoffen lässt, dass ihre Ideen gut umgesetzt wurden. Ob wie im Buch eher die Gewichtung auf dem Leben in Raum liegt, oder wie der Trailer vermuten lässt eher das „Wieder-Einleben“ von Jack und seiner Mutter in der Welt im Zentrum steht, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt leider nicht sagen, aber ich bin auf jeden Fall gespannt, wie dieses zerrüttende, aber beeindruckende Thema filmisch umgesetzt wurde.

Titel/Autor: Raum (Original: Room) von Emma Donoghue
Verlag/Jahr/ISBN: Piper Verlag, 2011 (Original: 2010), 978-3-492-30129-9

Nominierungen Oscar 2016: Bester Film, Beste Regie (Lenny Abrahamson), Beste Hauptdarstellerin (Brie Larson), Bestes adaptiertes Drehbuch (Emma Donoghue)

 

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